Eigene Beiträge

Unsere diesjährige Athenreise diente zum großen Teil dem Erfahren der Krise, die das Land und die Menschen fest im Griff hat. Wir, Gerd, Reinhard, Ulli und ich, wollten nicht nur Medikamenten-spenden abliefern, sondern auch Genaueres erfahren.

StadtfuehrungDie Ankunft am Viktoriaplatz verlief unspektakulär. Kein Flüchtling zu sehen. Auf den ersten Blick ein ganz normales Athen. Dabei hatte ich Schlimmes befürchtet.

 

Von unseren Freunden erfuhren wir, dass der Viktoriaplatz geräumt wurde und die Flüchtlinge nun in einem Lager auf unbestimmte Zeit ausharren müssen. Auf dieser Reise  hatten wir viel Gelegenheit mit Menschen zu sprechen, die uns eine Innenansicht der Krise vermitteln konnten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Unser Freund und Vermieter Theo hatte schon eine Idee, wie wir unser Krisenwissen vertiefen konnten. Er schickte uns auf unsichtbare Pfade – eine Stadtführung, organisiert durch das Straßenmagazin „σχεδiα“, was so viel heißt wie Rettungsinsel.

Christine, unsere sympathische Mitbewohnerin in diesen Tagen aus Brandenburg, begleitete uns auf dieser Tour.

Zunächst gab Georg Arapoglou, ein Journalist und Vendor´s Network Manager, eine kurze Einführung. Wir erfuhren, dass es das Straßenmagazin seit 2013 gibt und auch, dass die Athener Obdachlosenfussballmanschaft mit den Hamburgern Hinz und Künstlern zusammen spielt und kooperiert. Weitere Informationen: www.shedia.gr

Maria, eine sympathische kleine Frau, sollte unser Guide sein. Zunächst erzählte sie ihre Geschichte. Wir erfuhren, wie einfach es sein kann aus der Mittelschicht in die Obdachlosigkeit zu fallen. Nach einigen Jahren der Obdachlosigkeit kann Maria nun an einem Programm teilnehmen, durch das sie wieder in einer Wohnung leben kann. Nun arbeitet sie für das Straßenmagazin als Guide und führt interessierte Touristen auf unsichtbaren Pfaden durch ihr Athen.

Begleitet von einer jungen arbeitslosen Rechtsanwältin, die aus dem griechischen ins englische übersetzte, zogen wir los. Unsere erste Station war ein großes Hotel, in dem die Stadtverwaltung ca. 120 Obdachlose untergebracht hat. Maria erzählte, dass 80% der Bewohner männlich sind. Frauen haben immer noch mehr Möglichkeiten irgendwo unterzukommen. Familien mit Kindern sind in einem anderen Hotel untergebracht.

Auf unserer Tour erfuhren wir, dass sogar die Dealer sich der Krise angepasst haben. Sie haben eine Tablette kreiert, die nur 1,50 € kostet. Die Inhaltsstoffe sind Amphetamine, Buttersäure   und noch ein weiterer Stoff. Die so kostengünstig hergestellte Droge sorgt für einen kurzen Trip, einen langen Schlaf und nach 2 Jahren Konsum für den Tod. So anpassungsfähig kann der Markt sein.
 
Diskret wurden wir an eine öffentliche Suppenküche geführt. In Attika, das ist der Großraum um Athen, gibt es 1200 solcher Suppenküchen erzählt Maria. Allein diese eine teilt täglich 1500 Portionen Essen aus. Organisiert werden diese Essensausgaben von der Kirche oder Privatleuten, die sich zu Genossenschaften zusammen schließen.

Maria führte uns zu einer weiteren „Sozialpraxis“. Diese hat jedoch nicht wie die Sozialpraxis KIFA den Sinn die Obdachlosen medizinisch zu versorgen. Hier kann geduscht und gewaschen und Alltagsdinge erledigt werden. Finanziert wird diese Einrichtung von einem griechischen Reeder.

Zu meiner Überraschung bleiben wir am Staatstheater stehen. Maria erzählt, dass es eine Obdachlosen-Theatergruppe gibt. Hier wird ernsthaft und oft geprobt bis die Stücke aufgeführt werden. Unaufgeregt erzählte Maria, wie ihr das Theaterspielen durch die schwere Zeit geholfen hat. Schmunzelnd berichtet sie von ihrer aktuellen Rolle. Eine Dame spiele sie, die 3 Liebhaber gleichzeitig hat. Nein, im wirklichen Leben wäre das nichts für sie, klärt sie uns charmant auf.

An den Markthallen endet unsere Führung. Hier pulsieren nicht nur das Marktleben, sondern auch die Prostitution und der Drogenhandel. Für Frauen aber auch für Männer kann der Körper zur Ware werden.

Ich bin beeindruckt von Maria und der jungen Rechtsanwältin. Sie erzählen freundlich und kein bisschen verbittert. Maria scheint eher dankbar zu sein für das was sie noch hat, oder besser gesagt was sie wieder bekommen hat. Ich überlege, wie ich reagieren würde in so einer Situation. Und obwohl ich es mir nicht vorstellen kann empfinde ich leichte Panik in mir aufsteigen.

Am Ende wünschen wir den beiden eine gute Zukunft und ein schnelles Ende der Krise. Da die griechische Regierung gerade wieder auf Druck der Troika ein Sparpaket geschnürt hat, wird es wohl nur ein frommer Wunsch bleiben.


Sigrun, April 2016